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November 25, 2020 -

Interview zum Internationalen Tag zur Beendigung von Gewalt gegen Frauen

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Am heutigen Aktionstag der Vereinten Nationen zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen sprach die Vorstandsvorsitzende von UN Women Deutschland, Karin Nordmeyer mit Marcus Schulz, CEO Arval Deutschland.

Marcus Schulz, CEO Arval Deutschland

Marcus Schulz: Der Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen ist erstmals 1981 von lateinamerikanischen und karibischen Frauenorganisationen begangen worden. Dies war eine Reaktion auf die Ermordung der drei Widerstandskämpferinnen und Schwestern Patria, Minerva und Maria Teresa Mirabal gegen Diktators Rafael Trujillo. 1999 wurde der Tag offiziell durch die Vereinten Nationen aufgegriffen. Was hat sich seitdem verändert?

Karin Nordmeyer, Vorstandsvorsitzende UN Women Deutschland

Karin Nordmeyer: Nun ich wünschte, ich könnte von einer Verbesserung sprechen, aber die Zahlen sind verheerend. Eine von drei Frauen und Mädchen ist weltweit im Laufe ihres Lebens durch sexuelle, physische oder auch psychische Gewalt bedroht – und darunter fällt auch die wachsende digitale Herabsetzung und Entwürdigung wie etwa durch Hasskommentare und Aufruf zu Vergewaltigungen. 750 Millionen Frauen und Mädchen wurden und werden vor ihrem 18 Lebensjahr verheiratet und 200 Million Frauen und Mädchen haben Genitalverstümmelungen erlebt. Weltweit werden Frauen und Mädchen allein aufgrund ihres Geschlechts getötet — so genannter Femizid –, weil ihrem Leben schlichtweg weniger Wert beigemessen wird als Jungen und Männern.

Marcus Schulz: Das sind wirklich bedrückende Zahlen. Sie geben allen Grund, immer wieder nachdrücklich auf das Thema aufmerksam zu machen. Wie sieht es denn in Deutschland aus?

Karin Nordmeyer: Ja, auch in einem hochzivilisierten Land wie Deutschland ist Gewalt gegen Frauen und Mädchen ein tägliches, ja ein stündliches Problem. So wird tatsächlich jede Stunde in Deutschland eine Frau zum Opfer einer gefährlichen Körperverletzung, alle drei Tage wird in Deutschland eine Frau getötet. Das ist aber nicht nur menschlich für alle Betroffenen und auch das Umfeld eine Katastrophe, sondern auch wirtschaftlich. In einer Studie des Europarats wurden die finanziellen Auswirkungen von häuslicher Gewalt auf Individuen, den Staat und die Gesellschaft einmal für die Bundesrepublik auf Gesamtkosten von mindestens 14,5 Milliarden Euro pro Jahr berechnet.

 Marcus Schulz: Das ist also ganz und gar kein Randphänomen über das wir hier sprechen, sondern kann die Kollegin, Freundin oder Nachbarin oder die eigene Schwester betreffen…

 Karin Nordmeyer: So ist es leider, denn die Gewalt geht – anders als im Krimi im Fernsehen – nicht vom unbekannten Mann in der Tiefgarage, sondern in der Regel vom eigenen Lebenspartner aus. Die Täter sind zudem zu 78% deutsche Staatsangehörige und kommen aus allen sozialen Schichten und Altersgruppen.

Marcus Schulz: So viel Gewalt geschieht in den eigenen vier Wänden.  Da könnten doch vielleicht einige denken, dass dies Privatsache sei und man sich da besser nicht einmischen sollte. Wie sehen Sie das?

Karin Nordmeyer: Dazu habe ich immer eine Gegenfrage: seit wann sind Menschenrechte Privatsache? Frauenrechte sind Menschenrechte, die nicht vor den Grenzen der eigenen Haustür Halt machen. Und gerade weil Gewalt oftmals im Verborgenen geschieht, müssen wir umso vehementer handeln und laut werden, um auf diese desaströsen Zustände hinzuweisen. Die Vereinten Nationen machen mit ihrer Kampagne „Orange the World“ auch in diesem Jahr auf die Folgen von häuslicher Gewalt, Kinderehen, Vergewaltigungen und Genitalverstümmelungen aufmerksam. Auch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend fordert mit der Initiative „Stärker als Gewalt“ zu aktivem Einschreiten einerseits und unmittelbaren Unterstützungsangeboten für Betroffene andererseits auf.

Marcus Schulz: Es ist unglaublich wichtig, dass es diese Initiativen gibt. Unterstützung ist ein gutes Stichwort. Opfer, die häusliche Gewalt erleben, trauen sich ja ganz oft nicht, darüber zu sprechen – aus Scham oder Angst. Gibt es etwas, das wir und andere Unternehmen tun können, um hier aktiv zu werden?

Karin Nordmeyer: Es stimmt leider, dass das Thema Gewalt an Frauen viel zu oft noch ein Tabu ist. Damit müssen wir aber aufhören, um den Teufelskreis zu durchbrechen. Für mich ist es daher wichtig – und allein, dass wir dieses Interview führen, ist ja schon mal ein wichtiges Zeichen –, dass darüber überhaupt oft und öffentlich gesprochen wird. Es ist eben kein abstraktes Problem, dass tausende Kilometer von uns entfernt irgendwo stattfindet, sondern in den eigenen Reihen, im eigenen Team ein Thema sein kann. Daher sind interne Anlaufstellen oder Betriebsvereinbarungen und Statements gegen Gewalt oder Belästigung im Arbeitskontext bis hin zur Verteilung von Hilfsmaterialien etwa zu dem bundesweiten Hilfetelefon ‚Stärker als Gewalt‘ hilfreich. Im gleichen Atemzug und fast noch wichtiger aber ist für mich, dass das Thema bei den Männern selbst ankommt.

Marcus Schulz: Wie meinen Sie das genau?

 Karin Nordmeyer: Nun, der UN-Generalsekretär, António Guterres, hat dies in einem Statement mal ganz passend auf den Punkt gebracht: „Sexuelle Gewalt gegen Frauen und Mädchen wurzelt in jahrhundertelangen männlichen Herrschaftsverhältnissen. Vergessen wir nicht, dass die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern […], im Wesentlichen eine Frage der Machtungleichgewichte sind.“ Wir müssen dafür Sorge tragen, dass Verhaltensweisen, die toxisch sind, d.h. im Arbeitskontext beispielsweise eine einschüchternde, herabwürdigende oder verletzende Arbeitsatmosphäre zur Folge haben, ohne Umschweife sanktioniert werden. Die jahrelange Toleranz und Duldung von unangebrachten Witzen oder inakzeptablen Verhaltensweisen bis hin zu nicht justiziablen Übergriffigkeiten hat vielfach ein Klima geschaffen, in dem sich irgendwann niemand mehr traut, etwas zu sagen. Das Schweigen deckt Täter und diese fühlen sich in ihrem Verhalten unantastbar.

Marcus Schulz: Das sehe ich ganz genauso. Wir als Unternehmen sind in der Pflicht, gegen jedwedes unangemessenes Verhalten einzuschreiten und zwar konsequent! Es ist unsere Aufgabe, insbesondere als Führungskräfte eben dieses Arbeitsklima zu stärken, in dem sich alle frei und ohne Einschüchterung oder Beeinträchtigung durch andere einbringen können. Frau Nordmeyer, ich danke Ihnen sehr für dieses Gespräch und wünsche UN Women mit den Aktivitäten rund um den Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen maximale Wirkung.

Karin Nordmeyer: Vielen Dank und auch Ihnen für Ihr weiteres Engagement alles Gute!


Unterstützung bietet das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“. Dies ist ein bundesweites Beratungsangebot für Frauen, die Gewalt erlebt haben oder noch erleben. Unter der Nummer 08000 116 016 und via Online-Beratung werden alle Betroffenen 365 Tage im Jahr, rund um die Uhr und in 17 Fremdsprachen unterstützt. Auch Angehörige und Fachkräfte werden dort anonym und kostenfrei beraten.